Als man mir im zarten Alter von 13 Jahren eine Brille verpasste, brach für mich meine kleine kurzsichtige Welt zusammen – klar und scharf gucken war zwar zweckmäßig in anbetracht der verschwommenen Tafelbilder (meine Mathenoten z.B. verbesserten sich binnen weniger Monate von 4 auf 1), aber die Wahl des Typus musste überdacht werden. Als begeisterter Handballer, der gerade begann sich für Mädels zu interessieren, blieb nur noch der „Intellektuelle“ – meine Revolutionsfähigkeit war schlagartig abhanden gekommen durch diesen Rollstuhl auf der Nase. Gerade in diesem sensiblen pubertären Alter hatte dieses „Nasenfahrrad“ prägendes Gewicht. Zudem damals (in 1977) kaum jemand eine Brille trug, im Gegensatz zu heute (Computergeneration), will sagen: Damals gab es noch „Brillenschlangen“, stigmatisierte Ausnahmen. Meine Welt endete nach ca. 20 Zentimetern (ohne Brille) und die Konfrontation mit dieser Behinderung erfolgte fast täglich. Ich denke da an regnerische Tage, an den Schulsport, den ein oder anderen Sprung im Glas, das Zurückweichen gegenüber jeglicher Auseinandersetzung, die Schüchternheit vor dem anderen Geschlecht etc. Die amtliche Konsolidierung des Makels erfolgte spätestens durch das Musterungsergebnis: „T2“ war das höchste erreichbare Maß für uns (= Tauglich mit Einschränkung).
Kontaktlinsen waren für mich nie ein Thema, zum einen wegen des unbändigen Widerwillens da irgendwas im Auge zu haben, zum anderen weil dadurch noch mehr Stress und Drama angefallen wäre. (Desinfektion, Equipment, Spiegel usw., außerdem war es eh bisweilen lästig genug ohne Brille meine Brille zu suchen, geschweige denn ein kleines durchsichtiges Behältnis…)
Ich ließ keine Alternative aus, machte Augentraining, kaufte eine Rasterbrille, lebte sogar 7 Jahre ohne Brille in der Hoffnung meine eigenen 100% im sozialen Kontext zu etablieren (bei minus 5,5 Dioptrien auf beiden Augen ein wahrhaft kurzsichtiges Unterfangen!) – wenn ich heute an all die Schönheit denke, die ich ausschloss, wird mir schlecht: Keine Kunst mehr, kein Kino, Fernsehen, Theater, keine Miniröcke, keine Bekannten auf der anderen Straßenseite – und das in Münster!!!
Als ich vor ca. 12 Jahren von der Möglichkeit erfuhr, durch einen chirurgischen Eingriff wieder 100% zu erlangen, war ich sofort begeistert; mein Optiker blieb skeptisch („Denken sie dran! Sie haben nur zwei Augen!“). Damals war dieser Eingriff für mich unerschwinglich (ein satter 5-stelliger Betrag), außerdem war die Technik noch nicht so ausgereift wie heute, denn man hörte hin und wieder von diversen Komplikationen (ich erinnere mich an ein Interview mit einem empörten Mann, dessen Augenlicht nur durch eine Hornhauttransplantation gerettet werden konnte, ein anderer wurde auf einem Auge blind). Doch vor zwei Jahren ließ sich ein Bekannter hier in Münster (bei Dr. Taneri) operieren und berichtete begeistert vom Ablauf der OP. Ich hatte Schwierigkeiten ihm zu glauben: Der Eingriff sei nach knapp einer Minute abgeschlossen gewesen – bei vollem Bewusstsein (O Gott!!) und dann sei er sehenden Auges (natürlich ohne Brille) nach Hause gegangen! – Das klang nach Zauberei. Ich setzte mich umgehend mit der Hohenzollernklinik in Verbindung.
Nach einem unverbindlichen Informationsabend, der keine Frage offen ließ, checkte ich meine Finanzen und entschloss mich diesen Eingriff – wie auch immer – möglich zu machen.
(Wo ein Wille ist, ist auch ein Gebüsch! – Auch wenn ich völlig pleite gewesen wäre, hätte es einen Weg gegeben, da bezahlbare Finanzierungsmodelle in Aussicht gestellt worden sind; Stichwort Ratenzahlung!)
Zunächst erfolgte eine umfangreiche Voruntersuchung, da u.a. die Frage geklärt werden musste, ob überhaupt ein Eingriff in Frage kommen kann und wenn ja, welcher. Dr Taneri arbeitet in Kooperation mit der Harvard-University (USA) und verwaltet die modernsten Verfahren (glauben Sie mir - ich habe mich an allen möglichen Fronten informiert!), so dass ich auch gleich in den Genuss diverser qualitativer Verbesserungen kam: Ein Verfahren, das zum Zeitpunkt meiner Operation woanders gar nicht möglich gewesen wäre (Also: Bundesweit nur hier in Münster!).
Ca. 14 Tage nach der Voruntersuchung war es dann so weit; der Operationstermin stand fest. In Anbetracht des Konkreten schwang ich zwischen Angst und Hoffnung. Alle haben mir abgeraten, Mutter („Die Brille steht dir doch so gut!“), Freundin („Ich werde keinen Blinden durch die Straßen führen!“), Optiker („Nur zwei Augen blabla“) etc. Ich weiß noch, wie ich langsam in die Klinik ging; es war ein sonniger Tag, das Licht brach durch die Blätter der Bäume, die ersten Miniröcke der Saison waren unterwegs, die intensiven Farben überall (oder kam es mir nur so vor?), alles war in Blüte … Angst! Angst! Angst! Und immer wieder die Stochastik (der Doc hat über 1.000 Operationen hinter sich und noch nie ist etwas schiefgelaufen – also bitte, stell dich nicht so an!). Beim Betreten der Klinik wurde ich etwas ruhiger. Ich wurde nett empfangen und verständnisvoll versorgt. Ich war also nicht der einzige Angsthase – man kannte das scheinbar. Ich erhielt eine Beruhigungspille und war dann 40 min später soweit, lag da auf der Liege, hielt den Atem an. Rückblickend muss ich über mich selber lachen, wenn man bedenkt, dass keine Betäubung erfolgte und absolut kein Schmerz zu spüren war, dass der ganze Spuk in unter 30 Sekunden (pro Auge) vorüber war…
Dr. Taneri, der die OP selbst durchführte, erklärte mir jeden seiner Schritte:
„Jetzt wird der Eyetracker installiert um ihr Auge zu fixieren. Jetzt wird der Laserhobel angesetzt. Jetzt gleich sehen sie nur rot-grüne Flächen – keine Sorge, wenn sie ihr Auge bewegen, stoppt der Laser, da dieser 400 mal pro Sekunde die korrekte Augenstellung überprüft, geht kein Schuss daneben. Jetzt wird der Hornhautflap wieder aufgelegt. Fertig.“
Als ich aufstand (direkt nach dem Eingriff), konnte ich sehen (zunächst etwas milchglasmäßig – wie erwartet, im Laufe des Tages dann besser). Ich sollte dann noch zwei Tage eine Schutzbrille tragen, um spontanes Augenreiben zu unterbinden und um vor Fremdkörpern, wie Staubkörnchen etc., zu schützen.
Am nächsten Tag zur ersten Nachuntersuchung hatte ich links 100% und rechts 80% Sehfähigkeit, eine Woche später, zum zweiten Check, links 120% und rechts 100% - was will man mehr?
Zwei Wochen nach dem Eingriff war wieder alles möglich: Boxen, tauchen, tanzen …
Ein paar Situationen haben mich überrascht, wie z.B. die erste Dusche danach: Ich dachte ich hätte die Brille noch auf (da ich gemeinhin nie mit Brille duschte, war die Dusche immer ein verschwommener Lebensbereich) oder das morgendliche Erwachen (oje – mit Brille eingeschlafen?). Auch hätte ich nie gedacht, dass es so schön sein kann, durch strömenden Regen zu radeln, von anderen Effekten ganz zu schweigen, wie, aus der Kälte kommend einen Raum betreten, oder einen Bus.
Abschließend muss ich sagen, dass ich diese OP immer wieder machen lassen würde. Ich bedanke mich an dieser Stelle bei Dr. Taneri und dem Team der Hohenzollernklinik und hoffe mit diesen Zeilen einen Ausdruck meiner Dankbarkeit und Anerkennung übermittelt zu haben!
Danke!
Ulli Becker